Die Ohnmacht in dir.

Wenn sich Freunde und Familienmitglieder in Verschwörungstheorien verlieren.

Verschwörungstheorien haben das Potential uns manchmal zu belustigen, manchmal besorgen sie uns und manchmal lassen sie uns einfach nur fassungslos und kopfschüttelnd zurück. In den meisten Fällen klicken wir danach das Browserfenster zu und lassen die krude Welt rund um 9/11, die Weltfinanz, Impfzwang, Bill Gates, BRD GmbH, Volksverchippung, Corona, fehlende Grundrechte und manchmal auch Relativierungen des Holocaust hinter uns. Manchmal gibt es da vielleicht noch den Kollegen, oder Nachbarn der uns über die „Wahrheit“ aufklären möchte. Wer auf diesem Wege bereits Kontakt mit Anhängern diversester Theorien hatte, weiß wie aussichtslos es ist, in dieser Situaton faktenbasiert zu argumentieren. Also entziehen wir uns früher oder später diesen Leuten und minimieren den Kontakt, weil jedes sich anbahnende Gespräch unweigerlich zu diesen Themen gelenkt wird. Ob man will oder nicht.

Doch plötzlich steckt man mittendrin

Was aber, wenn sich diese Themen in einem Lebensbereich ausbreiten, dem man sich nicht „mal eben“ entziehen kann? Zeiten gesellschaftlicher Verunsicherung sind ein optimaler Nährboden für die Verbreitung verschiedenster Sorgen, Ängste, Fake News und Theorien, denen plötzlich Menschen nachhängen, die man im Grunde für „immun“ hielt, weil sie eben nicht dem Klischee des typischen Verschwörungstheoretikers entsprechen. Die Wahrheit ist: Diese Klischees (wenn es sie denn überhaupt jemals so gegeben hat) sind überholt. Vielleicht haben wir sie auch nur erschaffen um uns abzugrenzen. Es sind eben immer „irgendwelche“ anderen.
Womöglich ist es diese, trügerisch in Sicherheit wiegende, „Gewissheit“ die unseren emotionalen und seelischen Aufprall verstärkt, wenn wir feststellen: Es ist mitten unter uns. Es drängt sich in unsere intime Wohlfühloase. Es verdrängt uns aus dem Habitat, welches für uns von Kindheit an der Ort war, an dem wir uns sicher und beschützt gefühlt haben. Der Garant für Zuflucht, selbst wenn der Himmel einstürzt. Die Welt die durch eine Konfrontation mit Verschwörungstheorien in Familienkreis ins Wanken gerät, wird fortan nicht mehr die gleiche sein.

Was macht das mit uns?

Es gibt viele Anlaufstellen im Netz, die sich dem Umgang mit Verschwörungstheorien widmen. Sie tragen dazu bei sie zu erkennen und sie grundsätzlich argumentativ zu entkräften (auch wenn man damit nur selten zu den Verbreitern und Gläubigern vorstößt). Es gibt Tipps und Hinweise wie man mit Situationen umgeht in denen man damit konfrontiert wird. Wie man Menschen begegnet und sich Ihnen gegenüber im Alltag verhalten kann. Plattformen wie Mimikama oder Der goldene Aluhut leisten Aufklärungsarbeit und geben uns (zumindest eine Zeit lang) das Gefühl nicht als einzige mit diesem Problem konfrontiert zu sein. Aus eigener Erfahrung muss ich aber sagen, dass diese „Beruhigung“ nur von begrenzter Dauer ist. Wir können mit Hilfe diverser Tipps und Ratschläge zwar unser nach außen gerichtetes Verhalten anpassen, Entscheidungen treffen, Umgangs,- und Notfallstrategien erarbeiten und auch umsetzen.

Auf was wir uns allerdings nicht vorbereiten
können ist der Umgang mit uns selbst.

Niemand kann einem sagen, was es mit uns selbst macht und in uns anrichtet. Auch wenn unser „Meistern der Situation“ für Außenstehende souverän wirkt, die innere Zerissenheit, die Hilflosigkeit ist allgegenwärtig. Das Gefühl welches sich um den Brustkorb legt und diesen immer enger schnürt. Das Verzweifeln. Momente in denen man nur weinen oder schreien möchte um sich Erleichterung zu verschaffen, weil man nicht weiß wie man mit dem Verlust sonst umgehen soll. Den Verlust von Vertrauen und Geborgenheit, welches man mit seiner Familie verbindet. Ein Gefühl das in seinen Grundfesten erschüttert wird, weil sich die nahestehenden Personen bald nur noch empören, sich verfolgt sehen und in einer Spirale befinden, die früher oder später in Feindseligkeit umschlägt. Gegen wen oder was auch immer. Im besten Fall nur gegen fiktive „höhere Mächte“. Im vielen Fällen aber auch gegen einen selbst, weil jeglicher Ansatz aufklären zu wollen als persönlicher Affront empfunden wird. Am Ende ist man in den Augen der Liebsten derjenige, der sich „auf dem falschen Weg“ befindet und dessen Einstellung die des politischen und gesellschaftlichen Feindes ist.

Weniger Allein

Es gibt kein Rezept wie man diese Situation mit sich selbst meistern kann. Die Ansätze sind so verschieden, wie die Menschen verschieden sind. Im besten Fall kann man auf psychologische oder therapeutischen Hilfe zurückgreifen. Wer aber hat diese Möglichkeit und macht von ihr Gebrauch? An welchem Punkt erkennt man, dass diese Belastung zu groß ist um sie allein zu schultern? Wer geht den Weg externe Hilfe in Anspruch zu nehmen, wenn man nichtmal objektiv beurteilen kann ob man überhaupt hilfsbedürftig ist. Wer kennt schon vergleichbare Situationen? Vielleicht reagiert man auch einfach nur etwas über?
Die „gute“ Nachricht ist: Man ist mit diesen Problemen nicht allein! In Gesprächen auf unterschiedlichen Plattformen bin ich immer wieder auf Leidensgenossen gestoßen. Die Geschichten ähneln sich dabei bisweilen erschreckend. Es braucht etwas Zeit um festzustellen nicht allein zu sein, weil kein Betroffener diese Probleme sichtbar vor sich her trägt. Wenn man dann aber einen Leidensgenossen getroffen hat, macht sich vor allem eins breit: Ein Gefühl der Erleichterung. Ein Gefühl der Befreiung.

Geteiltes Leid ist halbes Leid. Das mag keine dauerhafte und nachhaltige Lösung sein, aber die Kraft dieser Erkentniss lindert. Es löst den Knoten im Hals, die Last auf der Brust und trägt dazu bei, sich das Problem einzugestehen. Mich hat es dazu angetrieben diesen Blog hier zu veröffentlichen und zu gestalten. Wenn es die Kraft (und die Zeit) zulässt, werde ich hier vielleicht meine Geschichte (oder zumindest einen Teil davon) erzählen. Ich habe diese Kraft geschöpft, nachdem ich auf andere Betroffene gestoßen bin und mich mit Ihnen ausgetauscht habe. Wenn wiederum andere Betroffene auch nur einen Bruchteil dieser Kraft daraus schöpfen können zu wissen, dass sie nicht allein sind, dann hat diese Seite etwas Gutes bewirkt.


Verschwörungstheorien produzieren bereits Opfer, bevor sie an die Öffentlichkeit gezerrt werden.

Ich selbst hatte vor einigen Jahren mehr Berührungspunkte mit Verschwörungstheorien als mir heute lieb ist. Angefangen mit „harmlosen“ Geschichten führte eine These zur nächsten. Der Beginn eines Teufelskreises. Früher oder später kommt man an jeder halbwegs populären These vorbei, egal an welcher Ecke man ursprünglich eingestiegen ist. Am Rand des Reichsbürgertums begann bei mir dann ab 2013/14 ein holpriger Ausstieg. Holprig, weil ich diesen Weg nahezu allein beschritt, ohne Leitfaden, ohne Plan. Nur ein Ziel vor Augen: raus! Am Ende bedurfte es noch einiger Initialereignisse um diesen Ausstieg bis hin zu einer kompletten Abkehr und Ablehnung jeglicher VT Tendenzen zu vollenden. Umso bedrückender ist es seit einiger Zeit (nicht erst seit Corona) zu sehen, wie sich mir nahestehende Personen zunehmend in diesem Teufelskreis verirren. Ich erkenne wiederkehrende Mechanismen und Verhaltensentwicklungen. Es lähmt mich nachvollziehen zu können, an welcher Stelle der VT-Skala sich mir nahestehende Menschen befinden. Vorhersehen zu können welcher Schritt als nächstes kommt. Die Muster sind nahezu identisch. Es zerreißt mich, nichts dagegen tun zu können, denn auf der „anderen“ Seite stehen mehrere Personen, die sich (unbewusst) gegenseitig bestätigen, und einer Empörungskultur (zu großen Teilen angetrieben über soziale Medien) anhängen, die sich nicht bremsen lässt. Aus Skepsis wird Mißtrauen. Aus Mißtrauen wird Ablehnung. Aus Ablehnung wird Feindseligkeit.

Verschwörungsideologien produzieren bereits Opfer, bevor sie an die Öffentlichkeit gezerrt werden. Es sind direkt Betroffene, Angehörige und Freunde, welche den Großteil der Last tragen. Mehr noch als Veschwörungsideologen brauchen diejenigen Beachtung und Hilfe, die ihren Alltag mit ihnen teilen. Und dabei vor allem jene, die sich diesem Alltag nicht „einfach so“ entziehen können, weil die verbindenden Dinge zu vielschichtig sind.

geschrieben im Mai 2020
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